Prolog

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»Ich gratuliere dir, Mike. Du bist für mich der logische, bestgeeignete Mann für meine Nachfolge. Den Posten als Kommandant der Kantonspolizei Zürich hast du dir verdient. Mit deiner Wahl sehe ich dem bevorstehenden Ruhestand gelassen und mit Genugtuung entgegen.« Ivo Schneider stellte die Kiste mit sechs Flaschen einheimischen Rotweins auf den Schreibtisch.

»Ich habe ein Paar große Schuhe auszufüllen«, sagte Michael Rüegg, stand von seinem Bürostuhl auf und griff nach der entgegengestreckten Hand, um sie dankend zu schütteln. »Das ist Höhepunkt Nummer fünf in meiner Karriere.«

»Was waren eins bis vier?«

»Der Eintritt in die KaPo, die Beförderung zum Offizier und der Wechsel von der Kasernenstraße hierher ins PJZ.« Bei Letzterem sprach Rüegg vom Bezug des in den frühen Zwanzigerjahren fertiggestellten Polizei- und Justizzentrums Zürich.

»Du sagtest fünf Höhepunkte. Einer fehlt noch.«

Rüegg grinste. »Was denkst du, welcher das ist?«

»Du meinst nicht zufälligerweise den Sommer 2019? Das Highlight deiner Zusammenarbeit mit Cavaldini?«

»Nicht zufälligerweise, sondern ganz konkret.« Rüegg langte hinter sich, griff nach einem gewöhnlichen, violett schimmernden Stein, der ihm als Briefbeschwerer diente, und präsentierte ihn Schneider. »Eine Marotte von Mario war, dass er von überall einen Stein mitnahm.« Rüegg hielt ihn sich vor das Gesicht. Sein Blick ruhte einen Moment lang auf ihm. »Dieser hier war ein Geschenk an mich. Er sagte, es wäre sein letzter …«

Jahr 33 / Jerusalem unter Tiberius

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Die zwielichtige Gestalt mit den verlausten Haaren und dem dreckigen Gewand schob ihren Handkarren über den holprigen Boden auf dem belebten Markt. Kinder hüpften heran, um zu sehen, was von einem grob gewebten Tuch verdeckt auf Enthüllung wartete. Der grantige Karrenschieber packte einen neugierigen Jungen beim Kragen, stauchte ihn zusammen und schubste ihn weg.

»Was hat er dir getan, du rabiater Kerl?«, schimpfte die heraneilende Mutter.

»Mach, dass du fortkommst, Weib! Meine Schätze sind nicht für Sklaven!« Er bewegte den Karren weiter bis zu zwei vornehmen Römern, die Geschmeide aus Gold und Edelsteinen begutachteten. Die beiden konnten potenzielle Kunden für seine Waren sein.

»Edle Söhne Roms und adliger Väter. Ich sehe, ihr habt einen erlesenen Geschmack. Im Gegensatz zu dem Sklavenpack hier, seid ihr in der Lage, den Wert dieser Schätze zu erkennen.« Der Mann riss das Tuch theatralisch weg. »Das alles habe ich einem streunenden Juden abgenommen.« Ein fieses Grinsen überzog sein Gesicht. »Er versuchte, mich zu berauben. Sein Pech! Ich habe dafür gesorgt, dass dieses Schwein niemals wieder jemanden belästigt.« Speichel tropfte von den fauligen Zähnen.

Der jüngere und kräftigere der Angesprochenen musterte ihn angewidert. »Siehst du die Legionäre dort? Ein Zeichen von mir genügt, und du wirst verhaftet. Wähle! Entweder du verbringst die nächsten Tage im Kerker oder lässt uns in Ruhe.«

Der Händler zog unterwürfig den Kopf ein. »Verzeiht, dass ich mich erdreistete, euch anzusprechen. Meine untertänigste Bitte an euch: kein Kerker und ihr bestimmt den Preis für das Angebot.«

Der Römer warf ihm ein paar Münzen vor die Füße. »Das ist mehr als genug für alles!«

»Ihr seid zu großzügig, mein Herr.« Er sammelte die im Staub liegenden Geldstücke ein. »Wo darf ich die Kostbarkeiten abladen?«

»Du hast mir alles verkauft. Auch den Karren.«

»Verzeiht, das habe ich nicht bedacht.« Der dubiose Geschäftsmann schlurfte in geduckter Haltung rückwärts, drehte sich um und eilte davon.

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»Was bezweckst du mit dem Zeug?«, fragte der andere Römer.

Der Käufer verschaffte sich einen Überblick. »Rossdecke und Karren sind für die Sklaven. Die Tücher schenke ich meiner Schwester. Die Ledertasche, die vergoldete Schrifttafel mit dem Stilus und den Schmuck behalte ich. Der Rest bleibt hier. Soll sich der Pöbel darum streiten.«

Was nicht von Interesse war, landete auf dem Boden. Einem abseits wartenden Sklaven erteilte er den Auftrag, die ausgewählten Objekte in die Villa zu bringen. »Sieh, dort gibt es einen Ausschank«, sagte er danach und legte seinem Kumpel den Arm um die Schultern. »Lass uns auf meinen unverhofften Schatz trinken. Der Staub in dieser unsäglichen Gegend trocknet jede Kehle aus.«

Kaum waren die Römer weg, stürzten sich die Einheimischen auf die herumliegende Ware.

 

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Auf dem Anwesen von Pontius Pilatus herrschte eine ausgelassene Stimmung. Bei Speis und Trank trug ein Dichter gesungene Reime vor und erzählte die neuesten Geschichten aus Rom. Halbnackte Diener schenkten Wein nach und räumten den Abfall weg. Die begehrten Plätze beim Präfekten waren Mitgliedern des römischen Adels vorbehalten. Ehrengast an diesem Abend war ein Senator, der mit Frau, Tochter und Sohn Jerusalem besuchte.

»Wie hat euch meine Stadt gefallen?«, wurde er von Pilatus gefragt.

Der Politiker fuhr sich über sein schütteres Haar. »Da wir seit vielen Jahren befreundet sind, will ich ehrlich zu dir sein. Wir können es kaum erwarten, morgen wieder nach Rom zurückzukehren. Diese Judäer sind mir nicht geheuer. Ich weiß, du tust dein Möglichstes. Trotzdem fühlt man sich in dieser rückständigen Stadt nirgends sicher. Ich möchte nicht mit dir tauschen.«

»Wirst du Tiberius dennoch wohlwollend von meinen Taten hier berichten?«

Der Senator lächelte. »Das werde ich.«

»Ich hoffe, er lässt sich dazu erweichen, die Fähigkeiten, die mir eigen sind, in einer zivilisierteren Gegend einzusetzen. Am liebsten bei meinen Freunden in Rom!« Pilatus hob seinen Becher zum Salut und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter. Es folgte ein grollender Rülpser. Die Reaktion der Gäste war ein anerkennender Applaus.

»Ich habe ein Geschenk für dich.« Der Sohn des Senators präsentierte Pilatus ein goldgefasstes, mehrseitiges Polyptychon. »Das habe ich einem obskuren Händler auf dem Markt abgeknöpft. Die Tafeln sind alle beschrieben. Ein Sklave übersetzte mir den Text, der von einem gewissen Benjamin aus Galiläa verfasst wurde. Er handelt von seinem Freund, der bei der Verhaftung eines Juden, den du kürzlich zum Tode verurteilt hast, dabei war.«

Der Statthalter sah ihn fragend an. »Welcher Verurteilte? Ich habe Jerusalem von vielen Feinden befreit.«

»Na, dieser gotteslästerliche Zelot, der in Getsemani erwischt wurde. Es hieß, er sei der König der Juden.«

Pilatus hob desinteressiert die Augenbrauen. »Ach der

Sein Gast fuhr fort: »Zum Abschluss richtet sich Benjamin mit dem Text an den Hohen Rat. Er teilt ihm mit, dass er sich nicht mehr zum Rabbi berufen sieht.« Er übergab die Wachstafel dem Hausherrn. »Vielleicht kannst du sie ja eines Tages zu deinem Vorteil einsetzen.«

Pilatus warf einen letzten Blick auf das Präsent. »Ich bedanke mich. Wenn es dir nichts ausmacht, überlasse ich das Geschenk meiner lieben Gemahlin. Damit sie wieder ruhig schläft. Denn dieser spezielle Hingerichtete verursacht ihr schlechte Träume.« Mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck reichte Pilatus das Polyptychon an seine Ehefrau weiter. Dann wandte er sich wieder seinen Gästen zu. »Alle, die einen vollen Becher haben, sollen ihn erheben«, rief er. »Trinken wir auf Tiberius, auf Rom und auf die Ehefrauen, die von fremden Männern schlechte Träume bekommen. Zu unserem Glück!«

Nacht auf Mittwoch, 8. Mai

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Das Gebiet für die Nachtübung Wolfspinne lag drei Kilometer östlich der Militärkaserne Reppischtal in einem Wald oberhalb von Landikon. Ein Bach, eine Straßenkreuzung, ein Landgasthof, ein paar Dutzend Häuser und die Nähe zu Zürich waren alles, was der beschauliche Weiler der Gemeinde Birmensdorf seinen Besuchern zu bieten hatte.

Ein zwischen Bäumen gespanntes Netz, belegt mit Moos, Laub und Ästen, diente den drei Armeeangehörigen, deren Gesichter, Hals und Hände mit Tarnfarbe eingeschmiert waren, als Unterstand.

»Scheiß Kälte!«, schimpfte Andreas, der angestrengt ins Dunkle spähte. »Und das im Mai.«

»Pssst, Ruhe!«, mahnte Korporal Hofer den Rekruten.

»Die finden uns nie«, meinte Damian. »Wir machen der Wolfspinne alle Ehre.« Er streckte seine nassen Glieder. »Hey Urs, ich muss kurz austreten.«

Hofer seufzte. »Okay. Aber beeil dich, da draußen schleichen die Gegner mit Nachtsichtgeräten herum!«

Damian kroch unter dem Tarnnetz hervor. Schlagartig hielt er in der Bewegung inne. »Habt ihr das gehört?«, fragte er. »Da! Wieder! Das klingt nach … Stimmen!«

»Komm sofort wieder her und leg dich hin«, befahl sein Chef.

Unterhalb der Stellung, kaum einen Steinwurf entfernt, leuchtete ein Licht auf. Die Taschenlampe eines Smartphones war auf eine männliche Person gerichtet, die eine Handfeuerwaffe mit Schalldämpfer in der Hand hielt.

»Verdammt … der hat eine Knarre!«, rief Damian seinen Kameraden zu. Obwohl die Soldaten für Übungen grundsätzlich nicht mit scharfer Munition ausgerüstet werden, brüllte er aus voller Kehle: »Schweizer Armee! Waffe auf den Boden legen und hinknien! Hände über den Kopf!«

Daraufhin überschlugen sich die Ereignisse. Der Bewaffnete steckte sich die Pistole augenblicklich in den Mund und betätigte den Abzug. Nach einem stumpfen Plopp-Laut sackte er in sich zusammen. Der Mann mit dem Handy bückte sich zum leblosen Körper hinunter, bemächtigte sich der Schusswaffe, löschte das Licht und hastete davon.

»Habt ihr das gesehen? Er ist tot!«, schrie Damian seinen Kameraden zu.

In Hörweite heulte ein Motor auf.

 

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Zwei Stunden später wurde Damian auf der Polizeiwache Urdorf von Mario Cavaldini in Empfang genommen. Der Ermittler war durchschnittlich groß, hatte kurz geschnittenes, dunkles Haar, braune Augen, machte einen fitten Eindruck und trug Zivilkleidung.

»Guten Morgen, Herr Tveit. Ich bin Mario Cavaldini, Ermittler der Kantonspolizei Zürich. Entschuldigen Sie, dass es so lange gedauert hat. Kommen Sie bitte mit.«

Damian folgte ihm in einen kargen Raum mit Neonlicht. In der Mitte stand ein Metalltisch mit vier Stühlen. Ein Poster mit Bildern zu Präventivmaßnahmen gegen Einbrüche und der Notfallrufnummer 117 klebte an der Wand.

»Das ist meine Kollegin Nora Bühler. Sie ist soeben von Landikon eingetroffen«, stellte der Ermittler eine uniformierte Polizistin vor. Danach wies er Damian einen Platz zu und setzte sich ihm gegenüber hin.

»Möchten Sie was trinken?«, fragte Bühler. Sie wirkte aufgrund ihrer Größe, der muskulösen Statur und dem kantigen Gesicht mit dem halblangen, schwarzen Haar einschüchternd auf Damian.

»Nein, danke. Ich habe Tee dabei.«

Die Polizistin nahm neben ihrem Kollegen Platz.

»Tveit ist kein typischer Name für die Schweiz, oder?« Cavaldinis Eröffnungsfrage war gleichzeitig eine Feststellung.

»Äh, nein. Mein Vater ist ursprünglich Norweger.«

»Ach so. Bitte schildern Sie uns, was Sie heute Nacht gesehen oder gehört haben. Jedes Detail ist wichtig.«

Minutenlang erzählte Damian alles, woran er sich erinnerte. »… überall Scheinwerfer. Medienleute, Offiziere, Polizei … Ich machte die ersten Aussagen und wurde schließlich hergefahren.«

»Sind Sie sicher, dass der aufheulende Motor zu einem teuren Auto gehörte?«

»Ja.«

»Haben Sie es gesehen?«

»Nein.«

»In welche Richtung fuhr es davon?«, fragte nun Bühler.

»Den Whisky-Pass hinauf.«

»Ah, vielleicht zur Autobahn in Richtung Süden.« Bühler warf Cavaldini einen wissenden Blick zu. Sie kannte die kurze Spitzkehren-Passstraße von Landikon nach Wettswil. »Herr Tveit, Sie haben erwähnt, dass der zweite Mann etwas rief. Konnten Sie ihn verstehen?«

»Ich glaube, er hat Merde gerufen. Scheiße. Auf Französisch.«

»Hätte es ein Name sein können?«, hakte Cavaldini nach.

»Keine Ahnung. Es ging alles … so schnell.«

»Und er hat einfach dabei zugesehen, wie der andere abdrückte?«, fragte Bühler.

»Ja.« Damian ließ die Schultern hängen. »Hätte ich besser nichts rufen sollen?«

»Sie haben das Richtige getan«, stellte Cavaldini klar. Nach einem flüchtigen Blick zu Bühler sagte er: »Vielen Dank, Herr Tveit. Sie haben uns sehr geholfen. Falls wir weitere Fragen haben, melden wir uns bei Ihnen.«

»Wissen Sie, wer er war?«, fragte Damian.

»Er trug keinen Ausweis bei sich. Für uns ist er im Moment lediglich ein um die fünfundsechzig Jahre alter, westlich aussehender Unbekannter.« Der Ermittler stand auf. »Das war eine lange Nacht. Kommen Sie. Ich bringe Sie nach draußen. Ein Kollege fährt Sie zur Kaserne zurück.«

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»Und was jetzt?«, fragte Bühler, als Cavaldini zurückkehrte.

»Hoffen wir, dass bald eine passende Vermisstenanzeige eintrifft.« Er steckte die Hände in die Hosentaschen. »Ansonsten könnte seine Identifizierung mühsam werden.«

Jahr 64 / Nach dem großen Brand Roms

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Der Gefangene stieg über abgenutzte Stufen, die aus dem unterirdischen Kerker führten. Seine Hände und Füße lagen in Ketten. Die Wachen zwangen ihn, mit schmerzhaften Lanzenstichen in seinen zerschundenen Rücken, vorwärtszugehen. Als er ins Freie trat, blendete ihn das gleißende Sonnenlicht. Das infernale Grollen der Menschenmasse, deren Durst nach Rache gestillt werden wollte, schlug ihm entgegen. Rache für den großen Brand, der die glorreiche Hauptstadt des mächtigsten Imperiums der damaligen Zeit zerstört hatte.

Nero versprach, die Urheber dieser Katastrophe zu bestrafen. Und der Cäsar hielt sein Wort. Diese Christen waren eine gefährliche Sekte.

Der Schreiber des Prätors verlas das Todesurteil. »Sein Vater war ein Diener Roms. Ein Kommandant der Legionen von Galiläa. Schande über ihn, weil er nicht verhinderte, dass sein Sohn sich der Christensekte anschloss. Dieser Abtrünnige«, er zeigte auf den Gefangenen, »wurde wegen Aufwiegelei und Brandstiftung zum Tode verurteilt.«

»Hört auf, zu reden. Tötet ihn!« Das blutrünstige Publikum hatte bereits anstrengende Stunden des Wartens hinter sich.

Der Hauptdarsteller dieser Volksinszenierung

wirkte gefasst. Auch dann, als ihn ein Muskelprotz, bekleidet mit einer speckig-glänzenden Lederschürze, an der Handkette zum rotgefärbten Holzblock in der Mitte des Versammlungsplatzes zerrte. Dort ließ er ihn stehen.

Der Henker grinste selbstzufrieden. Er spuckte auf einen Schleifstein, um in aller Ruhe die Stahlklinge seines Schwertes zu schärfen – ein Unikat, exakt nach seinen Angaben geschmiedet. Er genoss es, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

Den nahen Tod erwartend, drehte sich der Verurteilte Richtung Osten, schloss die Augen und betete.

Eine raue Stimme beendete seine Meditation. »Den Bürgern Roms ist bei einer Hinrichtung ein schneller Tod vergönnt. Leider verhindert dieses Gesetz das Vergnügen, dich brennen zu sehen. Du bist der Letzte heute. Und du hast Glück. Der Beste in meinem Fach zu sein, bedeutet, dein Haupt mit einem einzigen Schwerthieb vom Hals zu trennen.« Er setzte eine herablassende Miene auf. »Bist du Manns genug, selbst die Stellung einzunehmen, oder muss ich dich dazu zwingen?«

Der Schuldige am Brand Roms schaute einen Moment lang zum Himmel. Dann kniete er sich nieder und legte seine Wange auf die mit Blut getränkte Richtstätte. Kurz darauf spürte er eine Klinge in seinem Nacken. Der Henker nahm Maß.

Das Letzte, was der Verurteilte sah, war der entsetzte Blick eines Augenpaares. Es gehörte zu Aulus Vibius. Er war einer der beiden Wachen, die den Todgeweihten wie ein Stück Vieh vor sich hergetrieben hatten.

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Bevor die Klinge den Kopf an der vorgesehenen Stelle abtrennte, machte Aulus die Augen zu. Eine unwirkliche Ruhe durchdrang seinen Körper, die jäh von einem schmerzhaften Klatschen gegen seinen Oberarm vertrieben wurde.

»He, Junge! Reinige dieses Schwert und bring es zurück in meine Unterkunft!«

Aulus wischte eine Träne weg, griff nach dem Werkzeug des Todes und tat, was ihm aufgetragen wurde. Doch statt die frischpolierte Waffe wie befohlen in die Kammer des Henkers zu bringen, hüllte er sie in geöltes Leder und schlich danach mit seinem Paket ungesehen aus dem Truppenlager.

So verschwand das Schwert, mit dem der Römer Firmus Valerius Decidius hingerichtet worden war, für alle Zeiten aus Rom.

4   Montag, 13. Mai

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Am Hauptsitz der Kantonspolizei Zürich saß Cavaldini an seinem Schreibtisch und legte einige Unterlagen in eine Akte mit dem Titel: Suizid. Männliche Person. Unbekannt. Fallnummer B347.

Um Punkt zehn Uhr klopfte jemand an den hölzernen Türrahmen.

»Hallo, Charlie. Danke fürs Kommen«, sagte Cavaldini zur Vertreterin der Staatsanwaltschaft, als sie in sein Büro kam.

Charlotte Huber war eine quirlige Person mit rotblondem Haar und weichen Gesichtszügen. Sie trug, wie üblich bei der Arbeit, eine schwarze Hose, in der eine weiße Bluse steckte.

Er stand auf und ging ihr entgegen.

»Ciao, Maca. Alles im Lot?« Das war eine dieser Begrüßungsfloskeln unter Kollegen, die sich lange kannten.

»Tutti im grünen Bereich«, lautete die ebenso unverbindliche Antwort.

Sie gaben sich ein flüchtiges Küsschen auf die Wange.

»Warum hast du mich herbestellt?«, fragte Huber. »Bei deinem Fall liegt ein klarer Selbstmord vor. Was passt dir nicht an diesem John Doe

»Dass es ein Suizid war, steht außer Frage. Das haben alle Zeugen bestätigt. Doch was ist mit dem zweiten Kerl?«

»Was weißt du über das Opfer?«

Cavaldini fasste zusammen: »Die tödliche Verletzung stammte von einer neun Millimeter. Patrone und Hülse sind sichergestellt. Die Untersuchung ergab keine ballistische Übereinstimmung mit Waffen aus dem Archiv.«

»Und weiter?«

»Seine Bekleidung. Ich habe seinen Anzug dem Geschäftsführer einer exklusiven Adresse an der Bahnhofstraße gezeigt. Der kam ins Schwärmen. Wegen der herausragenden Qualität des Zwirns. Ein Super-Zweihundertsechziger-Garn, eines der feinsten der Welt. Ich fragte nach, warum keinerlei Herstellermarken am Anzug zu finden sind. Der Manager lächelte süffisant und klärte mich auf. Das entspräche für eine gewisse Kundschaft der gängigen Praxis. Einzig die handgearbeiteten Schuhe lassen auf einen Hersteller schließen. Leider beteuert die Manufaktur in Italien, keine Daten von ihren Kunden zu haben. Man gibt sich diskret in dieser Liga.«

»Nichts für unsereins«, stellte Huber treffend fest. Sie streckte ein Bein vor und zeigte auf einen Halbschuh mit Gummisohle. »Massenware.«

Cavaldini lächelte wegen ihres Vergleichs. »Ich sag dir was. Seine Klamotten kosten mehr als dein neues E-Bike. Bei jemandem, der sich ein solches Outfit leisten kann, muss nach seinem Tod ein Echo nachhallen.«

Hubers Kopfnicken bestätigte, dass sie Cavaldinis Meinung teilte.

»Ich gehe nicht davon aus, dass er mit besagten Schuhen eine Wanderung unternommen hat. Eher einen Spaziergang. Und das bringt mich auf eine Theorie: nämlich, dass es sich bei den beiden um Chauffeur und Herrschaft handelte. Das gäbe der anderen Person ein Profil. Wir haben uns in Landikon umgehört. Einer Dame, die mit ihrem Hund Gassi ging, ist unweit des Tatorts eine schwarze Limousine mit verdunkelten Scheiben aufgefallen. Leider erinnert sie sich weder an die Nummer noch an die Automarke.«

Cavaldini drehte sich zum Schreibtisch um und entnahm der darauf liegenden Akte ein Papier. »Ich habe dem Labor den Ring, den der Tote am Finger trug, zur Untersuchung gegeben. Das hier ist der Bericht.« Er zeigte ihn Huber. »Mit bloßem Auge nicht zu erkennen, wurde darin ein Chip eingebaut. Der Kollege sagt, er hätte noch nie einen solchen Prozessor oder Datenträger gesehen. Des Weiteren wurde auf der Innenseite des Rings der Buchstabe O eingraviert.«

»Der Anfangsbuchstabe seiner Ehefrau?«, riet Huber.

»Ist naheliegend«, erwiderte Cavaldini schulterzuckend.

»Zugegeben, eine gewisse Faszination ist diesem Fall nicht abzusprechen. Was hast du vor?«

»Eine Sonderermittlung.«

Sie verzog ihr Gesicht. »Oje. Für einen Selbstmord?«

»Charlie, da steckt mehr dahinter!«

»Was macht dich da so sicher?«

»Nenn es Intuition.«

Jahr 77 / Britannien,
das Römische Reich unter Vespasian

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Aulus Vibius war allein mit seinem Fuhrwerk nach Isca Silurum unterwegs, dem römischen Legionslager im Südwesten des heutigen Wales. Seine Ladung bestand aus Ersatzmaterial für Waffen und Ausrüstung. Der Weg vom Hafen zum Kastell bei der Mündung des Flusses Usk stellte in der Regel kein Problem dar. Doch an diesem Tag war ein herbstliches Unwetter der Grund dafür, dass der Hafen nicht schiffbar war und das Frachtschiff zwei Kilometer südlicher hatte ankern müssen. Der Waffenschmied kämpfte sich daher nun mit Pferd und Wagen mühsam durch den tiefen Morast.

Die Gegend war gefährlich. Kriegerische Splittergruppen der Silurer leisteten immer wieder mit brutalen Überfällen Widerstand gegen die römischen Eroberer. Aulus hoffte, bald die Sicherheit verheißenden Palisaden des Lagers zu erblicken.

Plötzlich verspürte er einen stechenden Schmerz. Ein Pfeil bohrte sich von vorn in seine rechte Schulter und riss ihn zur Seite. Ungläubig schaute sich Aulus um. Kurz, bevor es aufgrund des stechenden Schmerzes dunkel um ihn wurde, sah er zwei Männer, die auf ihn zustürmten.

 

*

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Als er die Augen öffnete, erkannte Aulus, dass er sich in einer kleinen Lehmhütte befand. Durch den offenen Eingang drang wenig Tageslicht. Er lag bis zur Hüfte mit einem Fell zugedeckt auf einem bequemen Strohlager. Ein Mann beugte sich über ihn und versorgte die Wunde. Sein Gesicht war von der rauen Natur gezeichnet. Die Bartstoppeln und das zerzauste Haar schimmerten rötlich braun. Die Tiefe seines klaren Blickes aus den graublauen Augen erschien Aulus sanft und gefährlich zugleich.

»Das sind Heilkräuter. Du hattest hohes Fieber und warst tagelang ohnmächtig«, klärte ihn der Unbekannte auf.

»Wo bin ich?«, fragte Aulus.

»Auf Mona.«

»Die Insel der Druiden? Wie bin ich hierhergekommen?«

»Leute vom Dorf haben dich gefunden«, sagte der Pfleger mit ruhiger Stimme. »Deine Wunde heilt schnell. Bald bist du soweit.«

»Soweit? Wofür?«

Der Mann gab keine Antwort. Stattdessen fragte er: »Bist du ein Schmied?«

»Waffenschmied. Woher weißt du das?« Aulus versuchte, sich aufzusetzen, doch er wurde mit sanftem Druck daran gehindert.

»Dein muskulöser Körper. Die verbrannten Stellen an der Haut. Der rußige Schmutz an der Kleidung. Und in jeder deiner Körperöffnungen, nebenbei bemerkt.«

Aulus drehte sein Gesicht zur Wand.

»Wir haben unter einem Holzbrett deines leeren Karrens eine raffiniert verschlossene, kleine Eisentruhe gefunden. Und ein Schwert, eingebunden in geöltes Leder. Die Waffe muss dem Besitzer viel bedeuten.«

»Der Besitzer bin ich.«

»Wozu soll es dienen? Es ist zu groß und zu schwer für die Schlacht.« Mittlerweile war die Wunde versorgt. Der Fremde machte einen zufriedenen Eindruck.

Aulus beobachtete ihn misstrauisch und dankbar zugleich. »Bist du ein Druide?«

»Du hast meine Frage nicht beantwortet, Waffenschmied.«

»Mit diesem Schwert wurde in Rom ein Mann hingerichtet.«

»Jemand, den du kanntest?«

»Nicht allzu gut. Er war ein Gefangener. Ich war seine Wache.« Aulus ging diese Fragerei auf die Nerven. Er war müde und wollte schlafen.

Der Fremde sah ihn vieldeutig an. »Keine Sorge, ich lasse dich bald wieder in Ruhe.«

Kann der meine Gedanken lesen?, fragte sich Aulus alarmiert.

»Warst du Richter oder Augenzeuge?«

»Warum?«

»In die Klinge wurde Firmus und Arbiter – Zeuge – eingeritzt.«

»Es ist die Stelle, wo sie sein Genick traf«, sagte Aulus.

Der Mann dachte nach. »Was hat er dir angetan, dass du seine Hinrichtungswaffe wie eine Trophäe behandelst?«

Aulus redete mit leiser Stimme: »Er hat mir nichts getan. Er hat mir etwas gegeben. Mehr gibt es nicht zu sagen.«

Da sein Patient nicht weitersprechen wollte, stand der Unbekannte auf und ging. Vor der Hütte gab er zwei kräftigen Männern Anweisungen, in einer Sprache, die Aulus nicht verstand. Ihm schwante Übles. Er befürchtete, dass er ein Gefangener war.

6  Donnerstag, 16. Mai

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Cavaldini saß auf der Mauer des Lindenhofs und genoss den Blick über die ruhig dahinfließende Limmat auf das Niederdorf. Der historische Platz, wo die Spuren der Kelten und Römer seine über zweitausendjährige Geschichte belegten, war bis heute bei Touristen aus aller Welt beliebt.

An diesem Tag war kaum etwas los. Unter der wärmenden Sonne spielten vier ältere Männer Pétanque. Da und dort waren Spaziergänger zu sehen, ein paar Jugendliche standen essend herum und diskutierten. Die Felder für Freiluftschach waren leer und ein asiatisch aussehendes Paar machte in der Nähe eifrig Selfies.

Das Aufschreien eines Babys lenkte Cavaldinis Aufmerksamkeit auf einen Kinderwagen vor dem Haus, in dem die Freimaurer ihre Treffen abhielten.

Déformation un-professionelle, dachte der Ermittler, weil er sich fragte, ob gar eine Geheimloge mit seinem aktuellen Fall zu tun haben könnte. Er befreite sein Sandwich von der durchsichtigen Folie, biss hinein, öffnete den Verschluss der Trinkflasche und nahm einen kräftigen Schluck Früchtetee.

Sous le dôme épais où le blanc jasmin, erklang es auf einmal aus seiner Umhängetasche. Cavaldini liebte diesen Part des Duo des fleurs für Sopran und Mezzosopran aus der Oper Lakmé von Léo Delibes. Er zog sein Smartphone hervor. Auf dem Display leuchtete ihm der Name seines Chefs Michael Mike Rüegg entgegen.

»Mario beim Mittagessen«, meldete sich Cavaldini.

»Hey, Maca. Du musst sofort zurückkommen. Dein John Doe heißt in Wirklichkeit Edward Lantsham. Er war Gast der amerikanischen Botschaft. Seine Tochter ist hier, um die Leiche sowie alle persönlichen Gegenstände abzuholen. Sie verfügt über die nötigen Papiere und ist in Begleitung eines hohen Tieres vom Auswärtigen.«

»Ach nein! So plötzlich? Ohne Vorwarnung?«

»Mario!« Sein Chef nannte ihn selten beim richtigen Vornamen.

»Ist ja gut. Gib mir eine Viertelstunde.« Cavaldini drückte auf den roten Hörer auf dem Display, stopfte Sandwich und Trinkflasche in seine Umhängetasche und machte sich auf den Weg.

 

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»Personalrestaurant, Obergeschoss!«, rief ihm der Kollege vom Empfang zu, ehe Cavaldini fragen musste. Er gab seinen Zutrittscode ein, eilte durch die Tür und nahm ausnahmsweise den Lift.

Der Saal mit den kugelförmigen Hängelampen und den Sitzreihen aus jeweils vier quadratischen Tischen mit Holzplatten war am frühen Nachmittag wie gewohnt menschenleer. Beim Eintreten entdeckte Cavaldini seinen Chef und Charlotte Huber, die mit einer weiteren Frau und zwei Männern die Plätze an der entferntesten Ecke besetzten. Er steuerte an den Theken vorbei und direkt auf die Gruppe zu.

»Hallo, Mario«, sagte Rüegg und stellte ihm die unbekannten Personen vor. »Herr Gerber vom Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA. Mister Smith, Vertreter der US-amerikanischen Botschaft. Frau Megan Bennett-Lantsham, die Tochter von Edward Lantsham.«

Da niemand aufstand oder ihm die Hand reichte, setzte sich Cavaldini mit einem höflichen Lächeln auf einen freien Stuhl am Gang. Nur die adrette junge Frau schaute rasch auf und nickte ihm zu. Sie trug ein dunkelgraues Businesskostüm, einen anthrazitfarbenen Hut und eine dunkle, modische Sonnenbrille.

»Wir machen es kurz, Maca.« Rüegg legte Cavaldini ein offiziell aussehendes Dokument hin. »Du musst nur noch unterschreiben. Dann ist der Fall abgeschlossen.«

»Wie bitte?« Cavaldini kam sich überrumpelt vor. »Ich habe aber noch Fragen.« Er verschränkte die Arme auf dem Tisch und lehnte sich vor. »Zum Beispiel, was Mister Lantsham in einem winzigen Ort wie Landikon zu suchen hatte. Oder zu einer Limousine, einer verschwundenen Pistole und …«

»Mister Cävädäini!« Der Vertreter der US-Botschaft, der seinen breitkrempigen Panamahut nicht abgenommen hatte, unterbrach Cavaldini. »Ihre Theorie mit dem Driver stimmt. Nach dem Ableben ihres Vaters«, er warf der trauernden Tochter einen Blick durch seine braungetönte Brille zu, »hat er sich sofort in der Botschaft gemeldet. He was shocked. Er ist schon back in Amerika.«

Smiths ausgeprägter Ami-Akzent machte auf Cavaldini einen aufgesetzten Eindruck. »Er hat sich bei Ihrer Botschaft gemeldet? Warum nicht bei der Polizei?«

»Das ist eine … delicate affair, wenn Sie verstehen. Wir wissen, dass our friends from the Swiss Police hervorragende Arbeit leisten«, sagte er auf herablassende Weise. »Sorry, dass wir Sie erst heute informieren. But now we’re here. Wenn Sie bitte unterschreiben the paper? Ist nur eine Formalität. Die persönlichen things und the body sind bereits am Zurich Airport

Diplomatische Mühlen können erstaunlich schnell mahlen, dachte Cavaldini. »Wozu braucht es meine Unterschrift? Es ist ja längst alles klar.«

»Unterschreiben Sie einfach, Herr Cavaldini.« Der Mann des EDAs schien gestresst. »Frau Bennett möchte ihren Vater nach Hause bringen. Ihr Flug geht in zwei Stunden.«

Der Ermittler sah zu Huber, die ihm zunickte. Er zog stirnrunzelnd das Papier zu sich und unterschrieb. Daraufhin standen alle auf.

Als er sich von Lantshams Tochter verabschiedete, sagte Cavaldini: »I’m sorry. About your father.«

Die Frau nahm ihre Sonnenbrille ab und antwortete in reinstem Standarddeutsch: »Danke. Vor einigen Wochen erfuhr er von seinen Ärzten, dass er bald sterben würde. Mein Vater war konsequent. In jederlei Hinsicht.« Sie setzte die Brille wieder auf und verließ mit ihren beiden Begleitern sowie Rüegg das Personalrestaurant.

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»Megan Bennett tut mir leid«, sagte Huber, als sie allein waren. »Ein Selbstmord in diesen Kreisen ist bestimmt nicht einfach für die Angehörigen.«

Cavaldini sah sie ernst an. »Ein Selbstmord ist nie einfach für die Angehörigen. In allen Kreisen!«

Jahr 77 / Britannien,
das Römische Reich unter Vespasian

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Der laute Donner riss Aulus aus dem Schlaf. Vorsichtig betastete er seine Wunde. Sie musste gut verheilt sein, denn er spürte kaum noch Schmerzen. In der Hütte war es zwar dunkel, doch durch die Pforte konnte er erkennen, dass es Tag war. Draußen tobte ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich heftiges Gewitter. Die düstere Stimmung beschlich seinen Gemütszustand. Sie verkündete Unheil.

Aulus schlug die Felldecke zurück und versuchte, aufzustehen. Obwohl er die ganze Zeit nur liegen konnte, versagte seine Muskulatur erstaunlicherweise nicht. Er betrachtete seinen Körper. Lediglich ein wollenes Tuch war um seine Lenden gewickelt. Ansonsten war er nackt.

Er sah sich um. Am Boden stand ein gefüllter Tonkrug. Aulus hob ihn auf und goss den Inhalt über seinen Kopf. Das eiskalte Wasser erweckte seine Lebensgeister. Er war nass und fror, fühlte sich aber gesund und stark.

Der Waffenschmied drehte sich um und erschrak. Wie aus dem Nichts standen plötzlich zwei alte Frauen vor ihm. Wortlos traten sie an ihn heran, schnitten ihm zwei Strähnen seines schwarzen Haares ab und tauchten sie in ein kleines Gefäß mit rötlicher Farbe. Sie begannen damit, seinen Körper zu bemalen. Aulus verstand nicht, warum sie das taten, doch er ließ es geschehen. Nachdem sie ihr Werk beendet hatten, verschwanden die beiden wieder.

Kurze Zeit später betrat ein Kind die Hütte. Das Mädchen reichte ihm ein sauberes Gewand und gab ihm zu verstehen, er solle es anziehen. Er tat, wie ihm geheißen wurde. Die Kleine schenkte Aulus ein Lächeln und forderte ihn mit Handzeichen auf, ihm ins Freie zu folgen.

Vor der Lehmhütte standen viele Menschen. Frauen, Männer und Kinder. Unvermittelt wurde Aulus von zwei kräftigen Männern gepackt, die ihn auf eine Anhöhe führten. Dort ließen sie ihn stehen. Verwirrt schaute er sich um. Um ihn herum versammelten sich die Dorfbewohner.

Der Mann, der ihn gesund gepflegt hatte, trat vor und sprach zu den Leuten: »Ich bin Meniochwyn, Druide und Anführer dieses Dorfes. Du gehörst zu den Feinden der Völker Britanniens. Genau hier wurden die heiligen Stätten unserer Vorfahren von den Römern zerstört. Wir wissen, dass Agricolas Truppen zu uns unterwegs sind. Aus diesem Grund müssen wir unser Dorf und die Insel verlassen, um eine neue Heimat zu suchen. In einem Land, welches von Rom besetzt und ausgebeutet wird. Um das Schicksal milde zu stimmen, werden wir ihm ein Opfer erbringen. Für die Seelen der Ahnen. Für die Geister und Götter unserer Völker.« Meniochwyn zeigte auf Aulus. »Und du wirst dieses Opfer sein!«

Die Menge begann, rhythmisch auf den Boden zu stampfen. Jede Bewegung wurde von einem urigen Huh! unterstützt.

In Aulus breitete sich Panik aus. Er schrie Meniochwyn an: »Warum hast du mich nicht früher getötet?«

Meniochwyn ging auf Aulus zu. »Wie alle Römer kennst auch du unsere Gesetze nicht. Nur ein gesunder Mensch kann als Opfer dienen!« Der Druide stoppte das Stampfen und Rufen mit einem Handzeichen. »Die Augen unserer Kinder sollen keine bestialische Hinrichtung sehen, so wie sie die Römer zur Volksbelustigung zelebrieren. Du darfst sterben wie ein Krieger und dich in die Klinge eines Schwertes werfen! Deines Schwertes!«

Ein Blitz durchbrach die dicke Wolkendecke. Für die Leute war das ein göttliches Zeichen. Sie jubelten. Im Hintergrund sah Aulus, wie ein Mann sein Schwert von der ledernen Hülle befreite. Er holte weit aus und warf es wirbelnd durch die Luft. Es blieb vor Aulus im Boden stecken.

»Stirb ehrenvoll!«, rief der Druide.

Aulus hob seinen Kopf zum Himmel. Seine Gedanken überschlugen sich. Er holte tief Luft und rief: »Ich habe nie jemanden getötet! Doch dieses Schwert hat schon viel Blut vergossen. Zu viel! Als ich es in meinen Besitz nahm, habe ich geschworen, dass kein Tropfen davon jemals wieder seine Klinge berühren wird!«

Die Menge brachte tosend ihren Unmut zum Ausdruck.

»Hörst du das? Alle denken, du wärst feige!«, sagte der Druide eindringlich.

»Ich bin Aulus Vibius! Ich bin Römer! Ein Römer kennt keine Feigheit!«, schrie er aus voller Kehle.

Der missmutige Groll wurde immer lauter. Meniochwyn war gezwungen, zu reagieren. Wenn sich der Römer nicht selbst richtete, würde wohl er das für ihn erledigen müssen. Als er das Schwert aus dem Boden ziehen wollte, schlug ein Blitz direkt daneben ein. Der explosionsartige Knall war ohrenbetäubend. Der Druide wurde durch die Luft geschleudert und die Leute wichen instinktiv zurück. Der infernale Donner, der unmittelbar darauf folgte, ließ die Erde erzittern.

Aulus war für einen Moment wie gelähmt. Dann erkannte er seine Chance. Er eilte zum Schwert und entriss es der Erde. Als er sich umdrehte, wurde ihm gewahr, dass alle Augen ungläubig auf ihn gerichtet waren. Sofort nutzte er die Situation zu seinem Vorteil. Er streckte die Waffe zum Himmel und rief so laut er konnte: »Dieses Schwert ist heilig! Die Macht, die in ihm steckt, darf niemals in falsche Hände geraten!« Er hoffte inständig, dass kein weiterer Blitz einschlug, denn so exponiert, wie er dastand und dem gewittrigen Himmel anderthalb Meter norischen Stahl entgegenhielt, wäre es das mit ihm gewesen.

Benommen stand Meniochwyn auf. Aulus richtete das Schwert warnend in seine Richtung. Der Druide sah ihn lange und nachdenklich an. Dann sagte er: »Du hast Glück. Die Götter wollen dich nicht. Ich füge mich den Zeichen des Himmels. Geh! Erfülle deine Vorsehung!« Der Mann machte den Weg frei und die Dorfbewohner bildeten eine Gasse.

Aulus schritt langsam durch sie hindurch. Sein Schwert hielt er mit beiden Händen fest, da er auf alles gefasst war.

»Römer!«

Aulus gefror das Blut in den Adern. Er hielt inne, ohne sich umzudrehen. Meniochwyn hat seine Meinung geändert!

»Geh immer geradeaus! Schreite zügig voran. Wenn du Glück hast, findest du vor Einbruch der Dunkelheit eine versteckte Bucht. Ich hoffe für dich, dass du mit einem Boot umgehen kannst.«

Nein, das kann ich nicht, dachte Aulus, doch er ging weiter.

»Sei achtsam! Nicht nur das Wetter, auch das Wasser ist wütend.«

Dienstag, 21. Mai

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In der altehrwürdigen Quartierkneipe, geführt von einem Heimweh-Italiener, verdrückten Cavaldini und Huber die letzten Mozzarella-Stückchen des Insalata Caprese. Die aufmerksame Bedienung räumte unverzüglich das gebrauchte Geschirr ihres Tisches weg.

»Na, Maca? Abgesehen davon, dass es mir immer wieder eine Freude ist, mich mit dir privat über Gott und die Welt zu unterhalten, und ich annehme, dass es keinen romantischen Hintergrund für diese spontane Einladung, eine halbe Stunde vor Feierabend, gibt … Was ist los?«

Cavaldini zupfte an der Tischdecke herum. »Es ist dieser Ami. Er lässt mir keine Ruhe.«

»Ha! Ich hab’s gewusst. Was ist dein Problem, Mario? Die Gerichtsmedizin bestätigte Krebs im Endstadium. Mit anderen Worten: Es ist das perfekte Motiv für einen Selbstmord.«

»Es geht mir mehr um seine Tochter.«

»Warum?«

»Ich möchte dir was zeigen.« Cavaldini griff in seine Umhängetasche, die auf einem freien Stuhl lag. »Das ist unser Mann. Und das ist Helen, seine verstorbene Frau. Die beiden gaben gesellschaftlich echt was her.«

Huber betrachtete die Bilder. »Ein gutaussehendes Paar.«

»Sie gehörten zur Finanz-Elite im Bundesstaat New York. Er hatte ein gutes Händchen an der Börse. Gelebt haben die Lantshams auf dem riesigen Familienanwesen auf Long Island.«

»Mögen sie in Frieden ruhen.«

»Ich habe ein paar Nachforschungen angestellt. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Lantshams gar keine Kinder hatten. Weder eigene noch adoptierte.«

Huber blickte überrascht hoch. »Es gibt keine Megan Lantsham?«

»Nein. Ich verstehe beim besten Willen nicht, was die US-Botschaft mit dieser Farce bezwecken wollte.«

»Nun, der Fall ist abgeschlossen und geht uns nichts mehr an.«

Cavaldini bemerkte den herannahenden Kellner mit dem Essen. Er verstaute die Ausdrucke wieder in seiner Tasche. »Ich wollte das einfach loswerden.« Er widmete sich bald schon seiner Calzone und beobachtete Huber dabei, wie sie in ihrer Pasta Genovese herumstocherte.

»Warum hast du dich überhaupt für die Tochter interessiert?« Sie schaute auf. »Komm mir jetzt aber bitte nicht wieder mit deiner Intuition.«

»Ihre Augen. Kastanienbraun. Das ist ungewöhnlich, wenn beide Eltern blaue haben.«

»Oh, die Fotos. Gute Beobachtungsgabe!«

»Ich wäre nie darauf gestoßen, hätte sie beim Abschied nicht ihre Sonnenbrille abgenommen.« Cavaldini hob sein Rotweinglas. »Auf Megan Lantsham, die US-Botschaft und darauf, dass wir, aus welchen Gründen auch immer, an der Nase herumgeführt wurden. Jetzt genießen wir aber endlich Vincencos Köstlichkeiten.«

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An einem Nachbartisch wurde gejasst. Das traditionelle helvetische Kartenspiel gab Anlass zu den üblichen Streitdiskussionen. »Bei Undenue musst du deine Sieben geben, wenn ich die Sechs ausspiele. Das gehört zu den Jass-Regeln, du Anfänger!«, ärgerte sich ein Könner. Es wurde argumentiert, gemaßregelt und erklärt.

Einer der Jasser rief quer durch die Kneipe: »He, Maca. Kannst du nicht dafür sorgen, dass eine Streife vorbeikommt und diese Hobbyspieler wegen Nichtbeherrschung des Fahrzeugs festnimmt? Hua, hua!«

Cavaldini schaute zum Stammtisch, imitierte ein Lächeln und winkte ab. »Das ist Henry Rahn, ein pensionierter Kollege. Man kennt sich in diesem Bezirk eben«, entschuldigte sich Cavaldini bei seiner Tischgenossin. »Apropos blaue Augen.« Er zeigte mit dem Messer auf die von Huber. »Ich habe gelesen, dass vor sechs bis zehntausend Jahren bei einem Menschen aus der Gegend des Schwarzen Meeres ein Gen mutierte. Er war der Vorfahre aller Blauäugigen. Auch von dir.«

Hubers erstauntes »Oh!« teilte ihm mit, dass diese Information neu für sie war. »Dann bin ich ja mit Jesus verwandt.«

»Wie kommst du auf Jesus? Ich hätte da eher an«, Cavaldini überlegte kurz, »Cameron Diaz, Reese Witherspoon oder von mir aus Liz Taylor gedacht.«

»Das Bild hinter dir.«

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Cavaldini drehte sich um. Ein kitschiges Bildchen mit einem segnenden Jesus hing an der dunkelgetäferten Wand. Weitere zweifelhafte Kunstwerke von Sandstränden, Sonnenuntergängen, Fischerbooten und Zypressenlandschaften waren neben oder unter dem Bild zu sehen. Über dem Segnenden prangte ein Fußballtrikot des SSC Napoli mit der Nummer zehn. Ein Fanartikel von Maradona, dem argentinischen Stadtheiligen am Vesuv. Jesus’ Augen hatten dasselbe Blau wie das Trikot.

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Cavaldini schob Huber sein Wasserglas zu. »Na, dann versuch mal, das in Wein zu verwandeln.«

»Ach, mein Lieber. Warum ein Wunder? Da du bezahlst, können wir einfach eine ganze Flasche bestellen.«

»Amen.«

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Nach dem Essen tupfte sich Huber mit der Serviette die Lippen. »Weißt du was, Maca? An deiner Stelle würde ich mit Mike reden. Du hast gute Argumente.«

»Das ist sinnlos. Er würde mich noch einmal daran erinnern, dass diese Sache abgehakt ist. Hauptsache, du stellst meine Intuition künftig nicht mehr infrage.«

»Da brauchst du dir absolut keine Sorgen zu machen.« Huber lachte und stand auf. »Bin gleich wieder da. Ich muss mir mein Näschen pudern gehen.« Sie verschwand in Richtung der Toiletten.

»Hey, Mario. Hast du kurz Zeit für mich?« Rahn, der pensionierte Kollege, setzte sich unaufgefordert auf Hubers Stuhl.

»Sie kommt gleich wieder.«

»Bin auch gleich wieder weg. Meine Mit-Jasser warten.«

»Worum geht’s?«

»Mein Sohn macht mir Sorgen.«

»Inwiefern?«

Rahn strich sich über die Halbglatze. Er rückte näher. Im väterlichen Gesicht war ein hilflos wirkendes Augenpaar zu erkennen, das Cavaldinis Blick suchte. Mit einer Hand fuhr er über seinen Schnurrbart. So, als würde er nochmals kontrollieren wollen, ob er sauber war. »Wie soll ich anfangen? Seit er als Vierjähriger auf eine Computertastatur drückte, redet er nur noch von Bits und Bytes. Wenn du verstehst, was ich meine.«

»Nicht wirklich.«

»Das Problem ist Folgendes: Sein Leben findet in Sphären statt, die für mich unerreichbar sind. Soziale Kontakte, geschweige denn Freunde, hat er meines Wissens nicht.«

»Hm.«

»Die Schulen hat er eher schlecht als recht hinter sich gebracht. Eine abgebrochene Lehre als Verkäufer in der Informatikabteilung ist alles, was er vorweisen kann. Er ist nicht dumm oder faul, davon bin ich überzeugt. Doch es ist höchste Zeit, dass er sein Leben in geordnete Bahnen lenkt und sich um sein eigenes Einkommen kümmert. Manchmal blüht er sogar regelrecht auf. Wenn sein Interesse geweckt ist, taucht er wie ein Besessener in die Materie ein und saugt alles darüber auf. Das hält aber maximal drei Wochen an, dann ist Schluss mit lustig. Die Ausnahme ist ein Computerspiel, an dem er seit Monaten hockt. Er verlässt kaum noch sein Zimmer, will nicht wahrhaben, dass ihn diese künstliche Droge zugrunde richtet. Er ist süchtig.«

»Wurde er auf Autismus getestet?«, fragte Cavaldini.

»Ja, ohne Resultat. Im Prinzip findet er sich ja im Leben zurecht. Ihm fehlt einfach die Erleuchtung dafür, was er machen soll. Er geht langsam auf die Dreißig zu.« Rahn beugte sich vor. »Und jetzt kommst du ins Spiel. Gibt es nicht eine Abteilung, die sich mit Internetkriminalität befasst?«

»Du meinst Cybercrime?«

»Wie auch immer. Es geht mir darum, dass er dort reinschnuppern könnte. Ich bin ja nicht mehr aktiv bei diesem Verein.«

»Es gibt diverse Informationsveranstaltungen darüber, die er besuchen könnte.«

»Klaro. Aber als ich dich sah, dachte ich spontan, dass du meinen Jungen eventuell mit jemandem bekannt machen könntest, der ihn ein wenig motiviert.«

Cavaldini mochte es nicht, wenn er zu Gefallen gedrängt wurde. »Ist denn dein Sohn an Polizeiarbeit interessiert?«

»Wir haben nicht oft über meinen Beruf gesprochen«, gab Rahn zu.

»Na gut, ich …« Cavaldini tastete sich ab.

»Hier, bitte.« Rahn zückte den Bleistift hinter dem Ohr, mit dem Cavaldini nun etwas auf seine gebrauchte Papierserviette schrieb.

»Hier ist Name und Nummer eines kompetenten Spezialisten. Dein Sohn kann sich auf mich beziehen.«

»Vielen Dank, Maca! Darf ich dir noch was bestellen?«

»Nein, schon gut, Henry.«

Huber war auf dem Weg zurück.

»Meine Begleitung ist im Anmarsch. Du musst leider den Platz wieder freigeben.«

Rahn stand auf, bedankte sich nochmals und ging.

»Ich habe ihm einen kleinen Gefallen getan. Er hofft, dass sich sein Sohn für die Polizeiarbeit interessiert«, beantwortete Cavaldini die von Huber ungestellte Frage.

»Dazu sind Kollegen und Freunde ja da«, sagte sie, setzte sich und schlug die Dessertkarte auf.

»Ich weiß nicht mal, wie sein Sohn heißt.«

»Was hältst du von einem Tiramisu?«, fragte die Anwältin, demonstrativ anderen Prioritäten folgend.

Jahr 77 / Britannien,
das Römische Reich unter Vespasian

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Im Laufe der Nacht hatte der Regen nachgelassen. Meniochwyn saß abseits des Dorfes auf einem Felsen. Die Fackel, die neben ihm im Boden steckte, spendete genug Licht, damit er sich die Lederfetzen von Aulus’ Truhe ansehen konnte. Plötzlich vernahm er hinter sich ein Geräusch. Kurz darauf spürte er die kalte Klinge eines Dolches an seiner Kehle.

»Ich sehe, du konntest die Truhe öffnen.«

»Ich bin ein Druide«, sagte Meniochwyn ruhig. »Und du solltest eigentlich auf einem Boot zum Festland unterwegs sein. Bist du zurückgekommen, um uns für Agricola auszukundschaften? Ich muss dich leider enttäuschen. Die Dorfbewohner sind weg. Ich bin der Einzige, der noch hier ist.«

»Nur dieses verrostete Messer lag im Sand. Da, wo ich vergeblich nach einem Boot Ausschau hielt.«

»Es muss sich losgerissen haben.«

»Schicksal? Damit wir uns wiedersehen?«

»Wozu? Um mich zu töten?«

»Nein. Ich will mit dir reden«, sagte Aulus ernst.

»Reden? Ha! Dann nimm das Messer von meinem Hals.«

»Sei gewarnt! Mach eine falsche Bewegung und ich bringe dich um.« Langsam ließ Aulus von dem Druiden ab.

»Du brauchst nicht hinter mir stehen zu bleiben. Komm ans Licht. Damit wir einander in die Augen sehen können.«

Aulus setzte sich in den Lichtschein der Fackel auf den Boden. Den Dolch behielt er in der Hand und blickte zur Truhe. »Du kannst lesen?«

»Und schreiben, stell dir vor. In der Sprache der Druiden, Lateinisch und Griechisch. Seit Julius Cäsar verbreiten sich die Römer in unserem Land wie Unkraut. Der Rat der Druiden hat früh erkannt, dass es nicht schaden kann, alle seine Feinde zu verstehen.«

Aulus war beeindruckt.

Meniochwyn legte den Kopf schief. »Wo ist dein mächtiges Schwert?«

»Versteckt.«

»So? Na gut, worüber willst du reden, Römer?«

»Bevor ich dir das sage, muss ich wissen, ob wir uns auf einer vertrauten Basis miteinander unterhalten können.«

Meniochwyn senkte seinen Blick. »Ich wollte dich töten. Du hast mir deinen Dolch an die Kehle gehalten. Ja … ich denke, wir können uns vertrauen.«

»Ich meine es ernst. Gib mir dein Wort darauf!«

»Worauf denn?«

»Dass du mir zuhören wirst.«

»Ein kleiner Rat unter Freunden: Ich bin ein Druide Britanniens. In den Augen der Römer ein gefährlicher Zauberer und Geisterbeschwörer. Suche ein offenes Ohr bei Deinesgleichen. Es ist besser, du verschwindest von hier.«

»Ich kehre nicht mehr zu meiner Einheit zurück.«

»Du willst desertieren?«, fragte Meniochwyn erstaunt.

»Ich will, dass du für mich eine Geschichte niederschreibst. Seit Jahren suche ich nach jemandem, der dafür geeignet ist. Erfolglos. Bis heute.«

»Und nun denkst du, ich sei dieser jemand?«

Aulus legte seinen Dolch auf den Boden. »Wir sind uns nicht ohne Grund begegnet.«

Der Druide kniff die Augen zusammen. »Das scheint für dich ja lebenswichtig zu sein.«

»Nicht nur für mich!«

»Geht es um diese Art von Aufzeichnungen in Form von Dialogen und Erzählungen? Sind sie Teile eines Schauspiels? Falls ja«, Meniochwyn zeigte auf die Truhe, »hast du ein heilloses Durcheinander verursacht. Unzählige Mosaiksteinchen, aber kein Bild!«

»Ich könnte sie ordnen. Mit deiner Hilfe. Da mir das Lesen Mühe bereitet, habe ich die Geschichte in all den Jahren auswendig gelernt.«

Der Druide musterte Aulus lange. Schließlich sagte er: »Folge mir.«

»Wohin?«

»Soll ich deine Geschichte etwa auf den Boden kritzeln?« Meniochwyn nahm die Fackel an sich. Er ging voran und führte Aulus zur Lehmhütte zurück, in welcher dieser als Gefangener auf seine vermeintliche Hinrichtung gewartet hatte.

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In der Unterkunft bereitete der Druide alles zum Diktat vor. Aulus stand in der Nähe des improvisierten Tisches und beobachtete ihn dabei. »Ich habe mir einen Druiden anders vorgestellt.«

Meniochwyn hielt in seinen Bewegungen inne. »Wie denn? Mit langem, weißem Bart und bemalter Haut? Augen, die im Dunkeln unheimlich leuchten?« Er drehte sich zu Aulus um. »In diesem Fall bist du mit einer Erkenntnis gesegnet worden: Druiden sind richtige Menschen! Soll ich das ebenfalls für dich aufschreiben?«

Der Römer winkte ab.

Wenig später war Meniochwyn endlich bereit. »Bevor wir beginnen, erklär mir, worum es in deiner Geschichte geht.«

Aulus setzte sich auf einen Schemel. »In Jerusalem, der wichtigsten Stadt in Judäa, gibt es einen Garten. Er wird Getsemani genannt. Dort wurde vor langer Zeit ein Mann von einem seiner Gefährten an die Römer verraten und gefangen genommen. Sein Name war Jeschua.«

Meniochwyn zog die Augenbrauen zusammen. »Ich habe von diesem Mann gehört. Wurde er nicht zum Tode verurteilt, weil er sich Der Messias nannte?«

»Nicht er hat sich diesen Namen gegeben«, berichtigte Aulus. »Die Legionäre haben brutale Gewalt angewendet. Sie verhafteten auch einen jungen Römer, der wie ein einheimischer Bauer gekleidet war. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit einer Wache genügte, damit er sich losreißen und wegrennen konnte.«

»Dieser Mann war der Arbiter

Aulus nickte. »Viele Jahre später, nach dem großen Brand, wurde er in Rom wegen Aufwiegelei zum Tode verurteilt. Für die gesamte Zeit bis zu seiner Hinrichtung war ich als seine Wache eingeteilt. Wenn wir allein waren, haben wir miteinander geredet. Bald habe ich begriffen, dass sein einziges Vergehen sein Glaube war. Er vertraute mir und bat mich um Schreibmaterial, welches ich in seine Zelle schmuggelte.«

»Die Fetzen aus Leder«, begriff Meniochwyn.

»Bestandteile dieser Geschichte.« Aulus schloss die Augen. »Sie martert mich! Jeden Tag, jede Nacht.«

»Wie ist der Name dieses Arbiters

»Firmus Valerius Decidius.«